Accusatio contra pravum

Die Reiseberichte des Lichtbringers
Ser Jorah Mormont

Der Reisebericht als PDF: Accusatio contra pravum

Praefatio

Dies Werk sei geheiligt und geweiht dem einzig wahren Lichtgott Peiron. Vor ihm werde ich Zeugnis darüber ablegen, dass in diesem Werk die Wahrheit stehe – in ihrer reinsten und heiligsten Form. Doch auch nur er kann darüber richten, welche meiner Handlungen richtig und somit heilig und welche falsch und somit verdammt waren. Kein anderer soll sich anmassen über meine Taten zu urteilen – egal ob Richter in weltlichen oder klerikalen Belangen.
Dies Werk beschreibt den Mühseligen Kreuzzug des Lichtbringers Ser Jorah Mormont, Wahrer des aufrechten Glaubens, Inquisitor wider die Dunkelheit, Ordensritter des Ordo draconigena zu Ehrberg, geweiht dem Heiligen Nicolai Wasorski, gegen das Böse, das er auf seinen Reisen antraf.
Dies Werk wurde am 1666 VZ dem 12. Tag des Sonnenerwachen in Zweifronten, in den endlosen Steppen von Trulk, begonnen.

Exitus in dubio est

Ich hatte zahlreiche Meister und Mentoren, die mich den Umgang mit Schwert, Zunge und Verstand lehrten. Und noch mehr Gefährten und Mitstreiter, an derer Seite ich das Gelernte anwendete und auf deren Kraft, Aufrichtigkeit und Tapferkeit ich mich verlassen konnte. Viribus unitis bezwangen wir Ketzer, Heiden und Frevler, brachten Gefallene zurück auf den wahren Pfad des Lichts oder erlösten sie von ihrem Leiden. Und trotzdem breche ich nun alleine auf – das Herzen rein, doch das Ziel ist ungewiss.
Es wird sicherlich kein einfacher Pfad sein und die Reise wird zahlreiche Mühsale aufweisen. Prüfungen werden mich erwarten, die vielleicht schier unüberwindbar erscheinen werden. Wie gerne würde ich diesen Prüfungen nicht alleine aufwarten. Doch jeden bis anhin noch so treuen Gefährten, den ich um Hilfe erbat, wies schweren Herzens ab und stellte meine Absichten als erfolglos dar. Ich kann es ihnen nicht einmal verübeln.
Ich hätte dies natürlich alles verhindern können, wäre ich nicht derart töricht gewesen. Töricht mich alleine in die Höhle des Löwen zu wagen. Welche Anmassung, sich einem mehrere hundert Jahre alten Vampirmeister alleine zu stellen. Ich verdanke es alleine Peirons Gnade, dass ich selbst noch unter den Lebenden weile – nur ein weiteres Zeichen des Herrn, dass ich meine Aufgabe noch nicht beendet habe.
Und nun? Habe ich denn wirklich nichts aus meinen Fehlern gelernt? Wieder ziehe ich alleine aus, auf der Jagd nach genau demselben Vampir und wieder ohne meine Gefährten. Doch auch wenn sie sich nicht dazu berufen fühlten – und ich betone einmal mehr, dass ich ihnen das auf keinen Fall und niemals zum Vorwurf mache – haben sie mich bestens unterstützt. Ich führe die Klinge Divinitus, den Heiligen Erlöser Peirons, das Ordensschwert meines Ordens. Dies ist eine grosse Ehre und ich gedenke sie entsprechend zu würdigen. Zusammen mit einem der besten Pferde aus den Ställen meiner Heimat stehen die Vorzeichen um gegen meinen Erzfeind anzutreten doch wesentlich besser – doch vor allem ist mein Glaube stärker denn je.
Trotzdem will ich die Gelegenheit nicht erneut leichtfertig verwirken, denn vielleicht ist es die letzte und ich werde mir wohl vor der letzten Schlacht noch aufrichtige und tapfere Kämpfer suchen müssen, die mich bei meiner Aufgabe unterstützen.

Per aspera ad astra

Doch eigentlich lehrte mich unser Schreiber Artjom die Ordnung beim Schreiben zu beachten und dies lasse ich nun schmählich vermissen. Deshalb beginne ich nun von Beginn an.
Initio dieser Geschichte steht meine Aufnahme in das Kloster von Therbunien, meinem Heimatdorf. Bereits dort muss ich von den Taten des Bösen berichten und Anklage erheben. Denn auch wenn ich heute mit Bestimmtheit sagen kann, dass der eingeschlagene Weg im Kloster der Richtige war, so zog ich damals nicht freiwillig ins Kloster ein. Als Waise wurde ich von den Mönchen des Klosters in ihrer Grosszügigkeit aufgenommen. Vater, Mutter und Schwester hatte ich verloren und so ward das Kloster zu meiner einzigen Zuflucht.
Noch heute weiss ich nicht mit Gewissheit, wer die Schuld für das Verschwinden meiner Eltern trägt und ich werde es wohl erst im Einzug in die heiligen Paradiese erfahren, doch es wäre einem Vampir durchaus zu zutrauen.
Doch ich will mich nicht über die Vergangenheit auslassen und noch weniger will ich klagen. Ich verbrachte unter der Obhut der Mönche des Klosters eine wunderbare Kindheit, auch wenn mir die Sinnhaftigkeit von Disziplin und Gehorsam erst mit dem Stock gezeigt werden musste. Vor allem dem Abt und Pater Alexej verdanke ich viel. Er ist es, der mich ins Licht geführt hat und beim Ordensgrossmeister Sergej zu Ehrberg um meine Aufnahme in den Bund der Lichtbringer gebeten hat.
Meine ganze Kindheit habe ich innerhalb dieser schützenden Mauern verbracht. Mein Tag bestand aus Arbeit, Lernen und Gebet und alles habe ich mit vollster Zufriedenheit des Abtes getan. Stolz darf ich behaupten, dass er mich einer der vielversprechendsten Anwärter auf die Würde eines Lichtbringers nannte. Ich absolvierte alle Prüfungen mit Bravour und wurde bald auf anspruchsvolle und wichtige Missionen und Questen entsandt.

Quae nocent, docent

Nicolai von Targaryen, er wurde schliesslich zu meiner bisher schwierigsten Prüfung. Vor ziemlich genau zwei Jahren, dem 17. Tag des Sonnenerwachen, 1664 VZ, brachen ich und eine Hand voll weiterer Ordensstreiter in die Grafschaft Targaryen auf. Sie alle handelten unter meiner Führung, denn es war meine erste Queste als Inquisitor. Umso schwerer wiegt das Versagen auf meinen Schultern.
Wir hegten bereits seit längerer Zeit den Verdacht, dass Nicolai von Targaryen ein mächtiger und aufstrebender Vampir in der Region ist und für zahlreiche unsagbare Verbrechen in der Region verantwortlich ist. Doch ganz erwiesen war seine Schuld noch nicht. Und so lautet doch einer unserer wichtigsten Grundsätze: Iudicis est innocentiae subvenire. – Es ist Aufgabe des Richters, der Unschuld zu Hilfe zu kommen.
Als Graf und Günstling des Hochadels war er jedoch geradezu dazu prädestiniert ein solches Unwesen zu sein und unser Verdacht erhärtete sich, je mehr wir uns der Residenz näherten. Bewohner wagten es in unserer Anwesenheit über Merkwürdigkeiten zu sprechen, wo sie bei anderen geschwiegen hätten. Es erfüllt mich immer wieder mit Hoffnung, wenn ich daran denke, wie viel Vertrauen der Kirche noch entgegen gebracht wird.
Doch leider wurden wir trotz allen Befürchtungen und aller Planung überrascht. Hinterhältig und feige überfiel uns der Graf mitsamt seinen Jüngern mitten in der Nacht und tötete zwei meiner Männer, ehe wir sie in die Flucht schlagen konnten. Wir zögerten nicht und trauerten nicht um die Gefallen Gefährten und Freunde, sondern verfolgten den Vampir durch den Wald so gut wir konnten.
Im dichten Wald in den Berghängen lieferten wir uns einen blutigen Kampf, der gar nicht den Prinzipien entsprach, die wir gelehrt wurden. Doch Peiron und Karndt standen uns bei und nach und nach gewannen wir in der Dunkelheit die Überhand – doch es kostete einen weiteren tapferen Mitstreiter.
Die Zeit arbeitete gegen uns, denn sobald es dem Vampir gelingen würde, sich in seine Burg zurück zu ziehen, müssten wir die Expedition abbrechen. Zu viele waren Gefallen, als dass wir einen Angriff auf die Burg wagen konnten. Deshalb befahl ich den Männern trotz Verletzungen und schwindenden Kräften weiter zu marschieren und die Jagd auf den Grafen fort zu führen. Keinesfalls eine schlechte Entscheidung, das bestätigte mir selbst Sergej zu Ehrberg.
Selbst der stärkste Wille kann gebrochen werden und als wir noch einen Mann verloren, waren wir nur noch zu zweit unterwegs und mein Gefährte konnte nicht mehr. Er selbst war verletzt und sein Atem drohte zu versiegen. In meinem Eifer konnte ich jedoch nicht an eine Aufgabe denken und liess meinen verletzten Freund zurück um den Vampir alleine zu stellen.
Der Rest sei nur knapp geschildert: Ich konnte den Vampir – selbst ebenfalls erschöpft – stellen und wir lieferten uns ein würdiges Duell, doch am Ende unterlag ich und nur der Gnade des Herrn habe ich es zu verdanken, dass ich noch unter den Lebenden weile. Meinem letzten Gefährten war diese Gunst jedoch nicht gegeben und so musste ich alleine und gescheitert zurück kehren.
Sergej zu Ehrberg leitete darauf hin sofort einen Kreuzzug ein und liess beinahe den gesamten Orden ausreiten um den Vampir in seiner eigenen Burg zu stellen – doch da war es bereits zu spät. Wir fanden das mächtige Anwesen verlassen vor.
Heute wird die Grafschaft von Targaryen ad interim vom Orden verwaltet. Die geknechtete Bevölkerung kann aufatmen, denn kein Vampir herrscht mehr unrechtmässig über ihnen. Doch meine Queste ist noch nicht erfüllt.

Mea maxima culpa

Reiter, Pferd und Klinge suchen nun nach Erlösung und Vollbringung der göttlichen Tat und Tilgung der Schuld. Meine Reise führt mich in gottlose Gegenden, doch genau dort muss man Ketzer und Unheilige suchen.
Die Spuren haben mich in die Grenzlande nördlich von Drakia geführt. Leider habe ich dort aber viel Zeit verloren und wirklich voranzukommen mit meiner Suche. Die meisten Verbrechen und Sünden die hier begangen werden, stammen nicht von Vampiren, obwohl sie oft beinahe so grausam sind. Jeden Tag muss ich mich zusammen reisen um nichts Unvernünftiges zu sagen und jeden Abend muss ich Peiron um Vergebung für meine Versäumnisse bitten, doch ansonsten würde ich mein Leben und vor allem meine Queste aufs Spiel setzen.
Doch vor allem muss ich hier nach aufrichtigen und tapferen Recken suchen, die mir bei meinem Kampf gegen das Böse beistehen, denn noch einmal darf ich nicht alleine gegen diesen Vampir antreten.
Einen solchen Recken habe ich bereits in der kleinen Stadt Averra gefunden. Er ist Priester des Karndt und deshalb geradezu prädestiniert für eine solche Aufgabe. Kurz nach unserem Zusammentreffen fand ich schliesslich auch den entscheidenden Hinweis für meine Jagd – eine futuo, die von einer merkwürdigen und unheimlichen Begegnung zu berichten wusste. Eine Ihresgleichen übte ihr Handwerk mit einer dunklen Gestalt aus – dies vor etwas mehr als einer Woche. Später sei sie mit geblendetem Augenlicht im Strassengraben Richtung Zweifronten gefunden worden. Eine kümmerliche Spur – doch die einzige die mir zurzeit bleibt.