Alban Westenfold

Beschreibung

Als ich eines Abends in der Taverne Zulias Traum meinen müden Gedanken nachging, trat er plötzlich ein. Ich wusste sofort, dass dieser unscheinbare Mann eine sonderbare Geschichte zu erzählen hatte. Ich habe ja schon manche Geschichte gehört und viele seltsame Gestalten getroffen, aber der war anders. Er war nicht wirklich auffällig. Ein wenig seltsam ja, das wirr graue Haar, dass seinen Kopf wie eine Schneewolke umgab, die scharfe Adlernase und das Spitze Kinn prägten sich leicht ein. Doch seine untersetzte Gestallt war in dem alten Reisemantel kaum auffälliger als jeder andere Reisende (die ja bekanntlich alle ein bisschen wirr im Kopf sind) auch. Er setzte sich zu mir an den Tisch, obwohl es noch andern Orts Platz gehabt hätte. Auf seinen fragenden Blick lud ich ihn mit einer Geste der Verbeugung ein sich an meinem Tisch nieder zu lassen. Nachdem er einige Minuten ohne ein Wort mit mir zu wechseln an deinem Bier genippt hatte schaute er mir wieder direkt in die Augen. Aus ihnen strahlte eine jugendliche Kraft, die ich der gebeugten Gestalt nicht zugetraut hätte. Und da viel mir auch die Unruhe in seinem Blick auf. Sie schienen rastlos den ganzen Raum zu beobachten. Diese ständige Bewegung wirkte nervös und irgendwie unsicher.
„Kennen Sie einen Herrn Folto?“, fragte er mich ganz unvermutet.
„Ja, “ antwortete ich nach einigem Zögern, „der sitzt dort drüben, der Mann mit dem schwarzen Haar, der uns den Rücken zu dreht.“
Ohne sich weiter um mich zu kümmern, erhob er sich von meinem Platz und wandte sich Folto zu. Sie wechselten einige Worte, die ich nicht verstand. Umso mehr aber bemerkte ich die bestimmte Art, in der sie der Unbekannte aussprach. Die Luft schien zu knistern und mir war, als hätte ich tatsächlich einige kleine Blitze und Funken gesehen. Folto zog etwas aus der Tasche und übergab es dem seltsamen Fremden. Dieser setzte sich wieder zu mir ohne darauf zu achten, wie Folto zur Taverne hinaus eilte, Schweiss auf der Stirn.
„Was war denn da los“?, wagte ich zu fragen.“
„Ach nur ein Gefallen unter Freunden. Der Herr hatte etwas von mir geborgt, dass ich zurück wollte, “ liess er ruhig, schon fast gelangweilt verlauten.
„Er hat sie bestohlen?“
„Das ist kein schöner Ausdruck dafür, aber man könnte es so formulieren.“
„Sie wissen schon, dass man einem Dieb hier normalerweisen Stahl zwischen die Rippen gibt? Sie hatten das Recht ihn hier zu richten, ohne dass sich jemand eingemischt hätte.“
„Ich bin kein Freund von Blut. Gibt hässliche Flecken.“
Ich fragte ihn noch nach seiner Herkunft und seinen Plänen, doch er antwortete nur in Andeutungen, die ich nicht verstand. Kurz später verliess er die Taverne. Seit dann wurde er nie wieder bei uns gesehen.

Bericht eines Bogenbauers. In einer götterverlassenen Gegend.

Biographisches

In Asgoth an der Akademie für Seefahrt zum Luftelementarist ausgebildet, verbrachte Alban die meiste Zeit seines Lebens in der Akademie und auf den Planken Vargothischer Schiffe, für dessen Schutz und sichere Passage er zuständig war. Doch schien diese Tätigkeit eine Verschwendung der arkanen Kraft an die machthungrigen Händler und Adeligen zu sein.

Eine gutbetuchte Kindheit
Einer wohlhabenden Händlerfamilie entstammend, sollte der dritte vierer Söhne sein magisches Potenzial entfalten lernen und dieses Wissen an ausgewählte Seeleute weitergeben. Das war jedenfalls des Vaters Plan, der aber am durch den Stadthalter von Asgoth erlassen Unterrichtsverbot ausserhalb der Mauern der Akademie scheiterte. So blieben dem frischen Abgänger des „Institutus des nautischen Wissens in profanis et arkanis“ nur zwei Möglichkeiten: Dem Weg seiner Familie folgen und am Schreibtisch Waren kaufen und transportieren lassen, oder seinen eigenen Weg als freier Magier bestreiten. Auf Letzteres fiel seine Wahl, die er oft bitter bereute.

Der Bruch
Des Vaters Zorn über diese Eigensinnigkeit führte zum Ausschluss aus der Familie und somit zur Verbannung aus der oberen Gesellschaft. Auf sich alleine gestellt und ohne Recht den Namen seiner Familie führen zu dürfen, verdingte er sich mir verschiedenen Aufträgen auf Lastenfrachter als Beschützer vor Meer und Mensch.

Mit List gegen Gewalt
In den grossen Unruhen um die vargothische Küstenstadt Festenfels wurde er von der Stadtwache auf Grund seiner aussergewöhnlichen Fähigkeiten zwangsrekrutiert und hätte zehn Jahre im Heer dienen sollen. Doch der Krieg lag in einem krassen Gegensatz zu dem eher vernünftigen und friedliebenden Gemüt Albans, was dazu führte, dass er nach wenigen Wochen entschlossen war das Militär zu verlassen. Dies war nun kein einfaches Unterfangen und nur durch die Flucht, oder eine geschickte Auslegung des strikt konservativen Militärreglements möglich. Stunden verbrachte er mit dem Studium alter Paragraphen und Traditionen, bis er fand, was er benötigte:

Es say eines jedes Soldaten Mögelichkayt bay einer schwärlichen Belaydigung durch des Vorgesetzten Äusserungen, fon diesem jenen Genugtuung zu forderen. Dabay say die Wahl der Waffen mit der Fordererung zu überbringen. Werde diese jene ausgeschlagen, verlöre der Vorgesetzte saines Ranges und müsste ährenlos seinen Austrit entgegennähmen. Dem Sieger eines jenen Kampfes say es gewähret über Ähr, Rang und Besitztümer des Kontrahänden zu entscheiden.

Dieser Passage angefügt fanden sich Geschichten von einfachen Soldaten, die Offiziere im Kampf mit Löffeln den Rang und die Ehre abgerungen haben, oder beim Seilziehen reich an Geld und Ehre geworden sind. Dies erklärte auch die ständige Angst der Offiziere und die zwanghafte Überlegenheit, die dem Soldaten bei jeder Gelegenheit gezeigt wurde.

Doch bei einem Kampf konnte Alban nur den Kürzeren ziehen. Körperkraft hatte er nie viel besessen und Schlägereine immer erfolgreich ausgewichen. Er wählte also eine etwas ausgefallene Kampfart: Das Königsbrett. Bei diesem Spiel, gespielt auf einem Brett mit acht mal acht Feldern wurde mit verschiedenen Figuren um das Überleben des Königs gekämpft. Da es nun seit Menschengedenken ein fester Bestandteil aller kämpferischen Turniere war, musste es als Kampf akzeptiert werden. So war es ihm ein leichtes einen ranghohen Offizier zu fordern und im Königsbrett zu besiegen.

Das läuternde Feuer
Nun hätte er die Stelle als Offizier annehmen und mit Reichtum und Ehre leben können. Doch er nahm nur an, um seinen nun rechtsgültigen Austritt aus dem Militär zu beantragen und dann mit dem erkämpften Vermögen einen kleinen Handel mit Schriften, Büchern und Schreibutensilien zu eröffnen. Der besiegte Offizier jedoch, gab sich noch lange nicht geschlagen und trieb Alban durch Brandstiftung und Rufmord in den Ruin, bis ihm schliesslich nichts mehr blieb und er erneut seine magischen Fähigkeiten verkaufen musste. Der geschädigte Offizier liess es allerdings nicht dabei bewenden und versuchte mehrmals Alban das Letzte, sein Leben zu nehmen. Dies wäre ihm auch einmal beinahe gelungen. Er überlebte nur dank einer Schar Matrosen, die ihm zu Hilfe eilten, da sie ihn als einen friedfertigen und nützlichen Gefährten schätzen gelernt hatten. Es folgten mehrere Wochen Wundfieber und Bettruhe, die noch die letzten Reste seines Vermögens verschlangen. Was blieb, war eine hässliche Narbe am Hals und der linken Schulter, die nie ihre ganze Beweglichkeit wiedererlangt hatte.

Flucht und Sehnsucht
Im Wissen um seinen Feind, hielt er es für das Beste Vargothia zu verlassen und als reisender Magier mal bettelnd, mal als Geleitschutz eines Schiffes oder in einer Söldnerschar nach einer neuen Heimat zu suchen. Dabei erhielt er die willkommene Gelegenheit im verfeindeten Khoras einiges über die arkane Macht zu lernen. Doch wo er auch immer war, die Sehnsucht nach dem Meer hat ihn nie verlassen und der feste Glauben, dass irgendwo im fernen Meer, die Quelle alles Lebens her komme, von der nur der Wind vom Meer der Klingen einen kleinen Teil mittrage, lies ihn täglich voller Unruhe nach Westen blicken. Eines Tages würde er wissen was hinter dem Meer liegt. Bis dahin würde er jeden Tag nach dem salzigen Wind schnuppern und den Blick minutenlang, wie träumend oder gar entrückt, nach Westen, der untergehenden Sonne nach, richten.

Heimatloser Einzelgänger
Das ziellose Irren durch die Länder von Kreijor machte aus dem verlorenen Abenteurer einen Überlebenskünstler, der trotz Armut und Hunger noch immer eine gewisse Würde und Ehre behalten hatte. Dabei hatte er nie vergessen über welchen Reichtum er bereits zweimal verfügt hatte und verfluchte sowohl seine Familie, der er Mitschuld an seinem Schicksal zuschrieb, wie auch Relkov, den Offizier, den er durch einen geschickten Königbrettzug ruiniert hatte und dessen Fluch Alban schwer getroffen hatte. Ständig geplagt von der Angst diesem Feinden wieder über den Weg zu laufen, mochte er nie länger als nötig an einem Ort bleiben und suchte in noch ferneren Ländern Zuflucht in der Einsamkeit. Wo er auf eine Ansammlung von Leuten stiess, konnte er keinen ruhigen Moment verbringen und blickte angespannt hin und her, immer auf der Suche nach einem vertrauten Gesicht, um dieses zu fliehen.

Doch nicht nur den Kontakt mit Menschen mied er, sondern ganz allgemein den Kontakt mit intelligentem Leben, dass ihn hätte belästigen können. Die rohe Gewalt der Trolle war ihm ein Gräuel und die Kultur der Orks fremd und unverständlich. Trotz dieser Ablehnung wäre es ihm nicht eingefallen dieser Ausdruck zu geben. Wo immer möglich, wählte er den Weg des kleinsten Widerstandes. Weder Freundschaft noch Feindschaft wollte er schliessen und selten kam es vor, dass er sich auf einen Austausch philosophischer Gedanken einliess und nie vertraute er jemandem auch nur ein kleines Stück seiner Vergangenheit an.