28. Travia 1010 BF

Der Tisch, der dieses Pergament am Fallen hindert, gehört dem vermögenden Kaufmann Eisinger hier in Albenhus. Seiner Kutsche fehlte ein Rad als ich ihn vor vier oder fünf Stunden auf dem Weg in die Stadt antraf. Die Götter schienen ihn zu lieben, denn drei andere Reisende waren bereits dabei sein Mobil zu reparieren. Jedoch war ich es, der das schnelle Erreichen unserer gemeinsamen Destination ermöglichte.

Ebensowenig wie ich haben die Drei die Einladung des Händlers Eisinger abgelehnt, in seinem Domicil zu nächtigen.

Der eine — ein Krieger Thorwal’schen Urspungs — stellte sich als Heros Sandbar vor, ist aber ansonsten nicht sonderlich gesprächig, vielleicht eine Leibwache, ein verpflichteter Söldner.

Der Zweite — eine unscheinbare aber nicht unathletische Erscheinung — nannte sich Charles de Beaumonage, hielt sich ebenfalls eher bedeckt.

Der Dritte — durchaus edel gekleidet — präsentierte sich als Asna Iss aus dem Dorf Iss, lässt nicht auf seine Profession schliessen.

29. Travia 1010 BF

Die Bedienung in dieser Lokalität ist genauso ausgezeichnet wie seine Mahlzeiten. Es ist wahrlich lange her, seit ich so gut gespiesen habe. Meine Suche nach den Artefakten bleibt Erfolglos, keiner in Albenhus scheint von diesen Legenden gehört zu haben. Vielleicht sind sie exclusiv im Norden verbreitet und verweisen auf die Mitte des Reiches, um ihre Glaubhaftigkeit zu stärken.

Der Hausherr bittet die bunt zusammengewürfelte Gruppe um einen „Gefallen“, mit entsprechender Bezahlung, versteht sich. Er spricht sein Misstrauen einem tulamidischen Konkurrenten gegenüber aus, glaubt zu wissen, dass der Rashtul-Diener illegal mit toxischen Substanzen handelt, bringt ihn sogar mit zwei kürzlich begangenen Giftmorden in Verbindung.
Er schlägt vor, den Gang der Justiz zu beschleunigen und in seiner Residenz nach belastenden Materialien zu suchen. Obwohl meine Vergangenheit es mich anders gelehrt hat, überwiegt das nicht existente Gewicht des Vakuums in meinem Geldbeutel (dieser verdammte Schelm…) nehme ich sein überaus überzeugendes Angebot an. Zudem, möchte ich noch anmerken, bin ich weder Henker noch Richter und zeige nur was gezeigt werden muss.

Eisinger scheint dies alles schon lange geplant zu haben und wir (ich und die Reisenden) kommen gerade Recht, denn der Tulamide — Rashim al Fesir mit Namen — hat diesen Abends zur Gesellschaft eingeladen. Die perfekte Gelegenheit, um sich in den Räumlichkeiten seines Handwerks umzuschauen.

Auf dem Markt halte ich mich nach einem ordentlichen Tagebuch Ausschau, werde zwar fündig, aber die Preise gleichen Gaunerei und so lass ich es dann doch. Noch hab ich etwas Pergament.

Am Abend treten wir unsere Aufgabe an. Mit der Mantelinnenseite nach aussen betrete ich die geräumige Residenz des Tulamiden, seinen Gesellschaftsraum, begrüsse den Hausherren — nicht sonderlich Sympathisch aber, abgesehen von seiner geistlichen Verwirrung, aber auch nicht krimineller Art — und geselle mich zu meinen Gefährten.

Während der tänzerischen Darbietung einer tulamidischen Schönheit durchsuchen wir die Örtlichkeit — eine Idee Eisingers —, ich im Dachstock, finde nichts. Die Wachen, die mich beim Herumstöbern im ersten Stockwerk in flagranti ertappen, sind höchst ungehalten, lassen sich auch mit Worten in ihrer Muttersprache nicht besänftigen. Eine Anwendung des „Ich bin auf der Suche des Aborts“ verschafft mir schliesslich Freiheit.

Schliesslich stösst der Unscheinbare zu uns, bedeutet uns, unauffällig zu verschwinden, er habe „Beweise“. Der Edle — er scheint bewandert zu sein — liest ein nebst einer luftdicht verschlossenen Flasche erbeutetes Stück Pergament vor, welches Rashim eindeutig als dux criminis des Gifthandels sowie beider Morde identifiziert. Eisinger ist entzückt.

30. Travia 1010 BF

Am nächsten Tag findet die Anhöhrung statt, Charles ist als Zeuge vorgeladen; ich, meiner Profession treu, kann diesem Ereignis nicht fernbleiben. Zunächst der übliche Praiossegen. Der Tulamide beteuert seine Unschuld. Schliesslich wird Charles vereidigt; er zögert lange, sehr lange; wiederholt dann aber die Worte des Gerichts und berichtet wahrheitsgetreu, was sich in der Residenz Rashims zugetragen hat. Aus irgend einem Grund glaube ich dem Tulamiden, denn auch seine Götter werden die Lüge als Todsünde ansehen. Das Gericht urteilt hart.
Meine Versuche am weitergehenden Verhör teilzunehmen werden bleiben ohne Erfolg.

Zurück in der Lokalität Eisingers angekommen, tut dieser seiner Präferenz, dass wir morgigen Tages abreisten, kund.
Der Thorwaler hatte während des Gerichtstermins eine Begegnung mit der tulamidischen Tänzerin von gestern, die ihm gegenüber zugegeben hat, die belastende Beweise in Rashims Arbeitszimmer deponiert zu haben.

Gut, Rashim wurde angeschwärzt, aber cui bono? Eigentlich jedem Händler in der Stadt, allerdings hat erst Eisinger die ganze Geschichte ins Rollen gebracht. Wenn ich jetzt so darüber reflektiere, macht alles Sinn. Unser Gastgeber wusste genau wie (als Händler verkleidet), wo (im Arbeitszimmer) und wann (während der tänzerischen Darbietung) wir zuschlagen mussten.
Ich veranlasse eine sofortigen Auszug. Der Händler will uns offensichtlich loswerden, wer weiss mit welchen Mitteln.
Wir ziehen in die nicht so komfortable, aber auch nicht zu verachtende Gaststätte „Zum Fluss“ um.

1. Boron 1010 BF

Die Tulamidin — Deliah mit Namen, wirklich ausserordentlich schön — berichtet, wie sie von einem „grossen, blonden Mann“ zu diesem Verrat gezwungen wurde. Wir sind diesem Eisinger tatsächlich auf den Leim gegangen. Aber errare humanum est sag ich mir. Es ist an der Zeit dieses Falsum zu berichtigen.
Wir statten Rashim in seiner neuen Behausung — nicht mehr ganz so luxuriös — einen Besuch ab. Dieser zunächst vertständlicherweise misstrauisch bestätigt schliesslich Deliah`s Historie, bringt uns aber keinen Passus weiter.

Meine Gefährten scheinen Erfahrungen im detektivischen Aussendienst zu haben und bald stehen wir vor der Tür des blonden Mannes. Wir schicken den Unscheinbaren vor, wir denken er sei am unauffälligsten, finden uns aber nach kurzer Zeit in einer wilden Verfolgungsjagd über die Dächer der Nachbarschaft wieder, oder besser: Charles und Asna, denn Ich und der Thorwaler sind nicht dazu prädestiniert.

Als ich schliesslich dazukomme, liegt der Mann bereits gefesselt am Boden. Das ist der Punkt an dem ich meine brillanten Fähigkeiten der Informationsbeschaffung einsetze und neben eine vollständigen Geständnis auch Verweise auf einen Schriftenfälscher und eine Giftschmugglerin — keine Tulamidin übrigens — erhalte.

Der Rest gestaltet sich vergleichsweise einfach, denn anders als der Blonde sind die verbleibenden Kriminellen nicht sonderlich schnell zu Fuss und auch schnell bereit auszusagen, nicht zuletzt wegen meiner Präsenz. Das Gericht verurteilt Eisinger, lässt Rashim frei, wenn auch nicht ohne Bedenken.